Ausführlicher Artikel "Guitarre" im Mendel/Reissmann-Musiklexikon (1874) - 1. Teil

Guitarre (span.: guitarra, ital.: chitarra, französ.: guitare oder guiterne) ist der Name eines Tonwerkzeugs, dessen Geschichte hinaufweist bis zur Urzeit der Tonkunst, die uns Instrumentengestaltungen vorführt, welche oft nur scheinbar denen der heutigen Guitarre durchaus fremd zu sein scheinen.

[Geschichte der Gitarre - instrumentenhistorische Entwicklung]

Unmittelbar entstand dieselbe aus dem El-Aud der Araber, das etwa 270 n. Chr. zuerst vollendet konstruiert, sich verbreitete. An der Gestaltung dieses Tonwerkzeugs repartieren [teilhaben] das griechisch κιϑάρα [kithara] geheißene Instrument und das alte Griffbrettinstrument der Assyrer und Ägypter zu gleichen Teilen. Wie in diesem Werk Teil I S. 323 [Artikel "Assyrische Musik"] ausführlicher berichtet, wurden die Griffbrettinstrumente wahrscheinlich in beiden genannten Ländern selbständig erfunden. Für die assyrische Erfindung derselben sprechende Gründe findet man an eben angegebener Stelle verzeichnet. Für die Erfindung in Ägypten spricht die Ähnlichkeit dieses Instrumentes mit der Hieroglyphe, die wahrscheinlich Abbild eines paraphonen Monochords war, das den ersten Hierophanten zur Feststellung ihrer der Sphärenskala nachgebildeten Tonfolge diente, und deshalb in die Schrift aufgenommen, dort, doppelt gestellt, eine nachdrückliche Versicherung der Wahrheit des Gesagten: Ja, ja! bedeutete.

Diesen Griffbrettinstrumenten verliehen die Araber die der κιϑάρα eigenen Schallkasten in Schildkrötenschalenform, wovon dies Instrument den Namen El-Aud erhielt, worauf unsere Benennung Laute zurückzuführen ist.

Trotzdem nun über den Ort der Fertigung der ersten modernen Guitarren in abendländischer Art nichts bekannt ist, so lässt sich nach dem ersten Auftreten und der Verbreitungsweise derselben schließen, dass Spanien das Heimatland derselben war und die El-Aud dem Erfinder der Guitarre zum Vorbild diente. Die erbitterten Racenkämpfe [sic] in Spanien, 710-1274, die zu einem Rückschritt und dem gänzlichen Verschwinden der arabischen Kunst daselbst Veranlassung gaben, führten zuer Erfindung der modernen Guitarre. Mit der Ausbreitung des Christentums nämlich kam auch die durch die Kirche eingeführte und gepflegte abendländische Musik in Spanien zur Geltung, welche im damaligen Entwicklungsgange, wie unsere Musikgeschichte nachweist, von dem Geiste der in Blüte stehenden arabischen Kunst sich nichts einzuverleiben vermochte; höchstens konnten rohe Nachbildungen von arabischen Tonwerkzeugen allmählich als Diener des neuen Geistes der Musik sich einer Anerkennung erfreuen, die mit der Fortschreitung der Kunst sich derselben entsprechend änderten und vervollkommneten. Die Verfertiger von arabischen Tonwerkzeugen wurden durch Fanatismus zwar vertrieben oder vernichtet, und die Kirche gestattete nur dem abendländischen Tongeiste die öffentliche Pflege, doch vermochte sie nicht, das Gedenken an einen wichtigen Faktor des Volkslebens, an die El-Aud, aus der Allgemeinvorstellung zu vernichten.

Das milde Klima Spaniens, das dem Musiktreiben in freier Natur zu jeder Zeit günstig war, der romantische, für malerisches Erscheinen schwärmende Geist der Spanier, wie die im Volke tief eingewurzelte Gewohnheit, durch Gesang in romantischer Form seiner Liebe Ausdruck zu geben, forderte ein leicht behandelbares, zur Gesangbegleitung wohl geeignetes und bequem transportables Tonwerkzeug, das der El-Aud Erbteil übernahm. Dies Erbteil übernahm die Guitarre, die aber erst zu Ende des 16. Jahrhunderts zu einer Normalgestaltung gekommen zu sein scheint, denn erst nach dieser Zeit wurde die Guitarre in Italien und Frankreich bekannt.

Die damalige Gestalt derselben war unserer heutigen Guitarre ziemlich gleich. Der Schallkasten derselben bestand aus einer planen Decke und einem planen Boden nebst einer rechtwinklig mit ihnen verbundenen Zarge. Die Ober- und Unterflächen des Kastens hatten, ähnlich den fast gleichzeitig sich ausbildenden Streichinstrumenten, in der Mitte jeder Seite eine Einbiegung, zwischen welchen sich in dem Resonanzboden das Schallloch befand. Saitenbefestigung und Griffbrettbeschaffenheit waren in der Art unserer heutigen schlechtesten Guitarren. Nur zeigten dieselben weniger Bünde und einen wenigersaitigen Bezug. Wenn das El-Aud in primitivster Form nur vier Saiten besaß, so finden wir in erster Zeit die Guitarre mit fünf, von denen die beiden tiefsten mit dem Daumen der rechten Hand [Anschlagshand], die anderen drei mit dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger derselben tönend erregt wurden. Die Sicherheit bei der Saitenbehandlung bewirkte man durch feste Aufstellung des kleinen Fingers auf die Resonanzbodendecke, wie noch heute.

[Verbreitung der Gitarre - Einführung in Deutschland]

Nachdem die Guitarre über 200 Jahre in diesen Ländern in stets steigender Verbreitung sich eingebürgert hatte, hielt sie endlich durch die Herzogin Amalie von Weimar im Jahre 1788 aus Italien ihren Einzug in Deutschland. Der Instrumentenbauer Jacob August Otto zu Jena war während der ersten zehn Jahre darauf alleiniger Nachbildner dieses importierten Instrumentes. Er fügte auch dem Bezuge der Guitarre auf Anraten des königl. sächsischen Kapellmeisters Naumann die sechste Saite hinzu. Vgl. darüber seine eigenen Auslassungen in seinem "Ueber den Bau der Bogeninstrumente …" betitelten Werke.

Mit dem Anfang des 19. Jahrhunderts steigerte sich die Liebhaberei für die Guitarre in Deutschland zu einer wahren Wut, welche erst um 1840 zum Stillstand gelangte zugleich mit der Verbreitung des verbesserten Pianos und dem allgemeinen Erkennen: dass die großen Opfer an Zeit, um die Guitarre zur Darstellung von Kunstschöpfungen zu verwenden, durchaus nicht dem sich entwickelnden Kunstsinne entsprechend sich verhielten. Auch große Meister in der Guitarre-Behandlung, wie Giuliani und N. Paganini, konnten sich nur Anerkennung für angeeignete in Erstaunen setzende Geschicklichkeit, doch nicht bleibende Verehrung für bereitete Kunstgenüsse erringen, weshalb denn auch Männer wie Paganini später der Pflege der Guitarre gänzlich entsagten.

[Form und Aufbau der Gitarre]

Dass die Guitarre, da sie eben Folie für viele Virtuosen und unendlich zahlreiche Dilettanten war, auch massenhafte als Verbesserungen erachtete Modifikationen im Laufe der Zeit erhielt, erscheint natürlich. Die jetzt meist überall verbreitete Guitarre, denn auch in Spanien hat man die deutsche Einführung eines sechssaitigen Bezuges derselben gutgeheißen, hat überall eine gleiche Form. Der Schallkasten besteht aus zwei parallelen dünnen Brettern, das eine, Resonanzboden genannt, aus mit durchsichtigem Firniss bestrichenen Tannenholz; das andere, Resonanzdecke geheißen, aus nach außen etwas gewölbtem, polierten Ahornholz gefertigt, und einer ebenfalls aus poliertem Ahornholz gemachten meist 10 cm hohen Zarge. Decke wie Boden sind von gleicher Gestalt, der arabischen Ziffer 8 ähnlich. Die höchste Breite des oberen Teils beträgt 23 cm und die des unteren 31 cm. Etwas über die Mitte des Schallkastens hinaus sind die Decken an beiden Seiten, wie bei der Violine, einwärts geschweift, jedoch ohne Ecken zu haben. Die tiefste Einbiegung derselben ist 17 cm unterhalb des Griffbretts gelegen, wo sich die Ränder bis auf 19 cm nähern. Gerade in der Mitte der tiefsten Einbiegung befindet sich in der Resonanzdecke das 9 cm Durchmesser besitzende runde Schallloch. Unterhalb des Schallloches, 29 cm vom oberen Schallkastenrande entfernt, liegt ein 9 cm langes und 1 cm breites Brettchen, das auf den Resonanzboden aufgeleimt ist. Dasselbe trägt den Steg und zeigt unter demselben sechs runde Löcher, die nach der Schalllochseite in eine Saitendicke offene, beinahe bis zum Stege gehende Rinne auslaufen. Diese Löcher dienen zur Befestigung der Saiten. Man macht nämlich am Ende derselben einen Knoten, der durch das runde Loch gesteckt wird. Indem man den Knoten dem Stege näher zieht, eht die Saite in die Rinne und der Knoten im Resonanzkasten hinter dieselbe. Jede Anspannung der Saite nun vom anderen Ende her zieht den Knoten so nahe es geht an die Rinne, muss [darf] jedoch nicht vermögen, dieselbe durch diese zu ziehen.

An diesem Resonanzkasten befindet sich ein Hals von 5 cm Breite und 31 cm Länge, der oben plan, wie der Resonanzboden, und unten rund ist. Auf der oberen, gewöhnlich schwarz gefärbten Seite des Halses sind Bunde aus eingelegten Elfenbein- oder Metallstreifen, welche auf gleichgefärbter, auf dem Schallboden fortgesetzter Unterlage noch bis in die Nähe des Schallloches fortgesetzt sind. Ein etwas höherer Bund am Ende des Halses dient als Sattel für die Saiten des Bezuges. Am Halse stumpfwinklig fest angefügt befindet sich das Wirbelbrett. Durch dasselbe sind von unten nach oben zweckentsprechend sechs Löcher für die Wirbel gebohrt, deren walzenförmige Enden, ein Loch zeigend, durch welches die zu spannende Saite gezogen wird, über dasselbe hervorragen. Die Flügelenden der Wirbel sind unter dem Brette. Einige Guitarren haben auch statt des Wirbelbretts ein Wirbelhaus, ähnlich dem bei den Streichinstrumenten. Zuweilen findet man auch Guitarren, die, um das Zurückgehen der Wirbel, also das Verstimmen der Saiten zu vermeiden, statt der Wirbel eiserne Schrauben von oben herein in den hohlen Wirbelkasten laufen haben, welche messingne Knöpfchen, die an der äußeren Seite sich befinden und in denen Spalten zum Einhängen der Saite gefeilt sind, auf und nieder winden, was durch Hilfe eines kleinen Schlüssels von Messing, wie an einer Stutzuhr, bewerkstelligt wird. Auch Vorrichtungen, wie an den Wirbeln der Kontrabässe konstruiert, findet man bei Guitarren vor.

Nicht eigentlich zur Guitarre gehörig, aber doch allen eigen ist noch, dass sich am äußersten Ende im Wirbelbrett ein Loch befindet, durch das ein breites Band gezogen werden kann, dessen anderes Ende dann an einem Knopfe befestigt wird, der in der Mitte der Zarge, dem Halse gerde gegenüber, befindlich ist. Dies Band, so lang, dass es, über den Hals des Spielers gelegt, dem Instrument eine solche Lage vor der Brust desselben gestattet, dass er zur bequemeren Handhabung des Tonwerkzeugs dienlich ist und dem Spieler ein malerisches Auftreten erleichtert, wird von Vielen gern gesehen.

[Stimmung der Gitarre - Saitenmaterial]

Von den sechs den Bezug bildenden Saiten sind die drei das höhere Tonreich vertretenden Darmsaiten, die anderen drei sind entweder mit Kupfer- oder Silberdraht übersponnene Seidesaiten - oder zwei solche und eine, die höhere nämlich, eine übersponnene Darmsaite. Diese Saiten bieten in ihrer Normalstimmung aufsteigend vier Quarten und eine Durterz, wie folgende Angabe der Klänge der freien Saiten zeigt: E, A, d, g, h und e1. Zuweilen stimmt man auch, um in F-Dur oder B-Dur gesetzte Tonstücke leichter ausführen zu können, die tiefste Saite in F und seltener aus ähnlichen Gründen sogar in G oder As.

Gitarrenspieler um 1830
Gitarrenspieler um 1830. Haltung der Gitarre: auf linkem oder rechtem Oberschenkel, Fuß auf kleinem Hocker (Fußbank). Abb. vom Titelblatt einer französischen Gitarrenlehre um 1830.

[Haltung und Spiel der Gitarre - Guitarren-Schulen]

Beim Spiel der Guitarre, deren Saiten durch Reißen mit den Fingerspitzen der rechten Hand tönend erregt werden, hält man den Hals derselben so zwischen Daumen und Zeigefinger der linken Hand, dass die Finger derselben sich bequem auf dem Griffbrett bewegen können. Den unteren Guitarren-Teil stützt man entweder auf das rechte Knie oder die rechte Lende, so, dass der Resonanzboden abwärts gekehrt ist, oder hält denselben gegen das untere Ende des rechten Brustteils, jenachdem man beim Guitarre-Spiel sitzt oder steht. Das Reißen der Saiten liegt, wie erwähnt, der rechten Hand ob, und bewirkt man dasselbe, indem man den kleinen Finger der rechten Hand in der Nähe des Schalllochs fest auf den Resonanzboden setzt, mit dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger derselben je eine der höheren Saiten zu behandeln sich befleißigt und dem Daumen die auf den drei tieferen Saiten zu erregenden Töne auferlegt. Bei gewünschtem starkem, arpeggioartigem Anschlage der Saiten fährt man auch nur mit dem Daumen der rechten Hand allein von der tiefer- zur höhergestimmten Saite querüber. Die verschiedenen Anschlagsarten, deren es außer den angeführten noch einige gibt, sowie die besonderen Anschlagsstellen der Saiten werden ebenso wie die verschiedenen Lagen, in der sich die linke Hand beim Greifen der Töne bewegen muss, in den verschiedenen Guitarren-Schulen, an denen durchaus kein Mangel ist, gelehrt, wo man sie die Applikatur der Hände nennt. [C. Billert in: Mendel/Reissmann Lexikon 1874, 450ff]


Artikel "Guitarre" in [Mendel/Reissmann Lexikon 1874]:

1. Teil: Geschichte der Gitarre - instrumentenhistorische Entwicklung, Verbreitung der Gitarre - Einführung in Deutschland, Form und Aufbau der Gitarre, Stimmung der Gitarre - Saitenmaterial, Haltung und Spiel der Gitarre - Guitarren-Schulen

2. Teil: Anwendung der Gitarre - Solo- oder Begleitinstrument, Gitarre spielen lernen - Gitarrenschulen, Kompositionen für Gitarre - Tabulaturen

3. Teil: Außereuropäische Gitarrenarten, Verbesserungen und Abarten der Gitarre - europäische Instrumentenbauer

Ergänzung: Gitarre um 1880, Metallsaiten, Wiederbelebung durch Leipziger Gitarrenclub


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