"Ueber die Guitarre" in Deutschland 1828

Jakob August Otto war "Instrumentenmacher" am Großherzoglich Weimarischen Hof. 1828 wurde seine Schrift veröffentlicht mit dem Titel: "Ueber den Bau der Bogeninstrumente, und über die Arbeiten der vorzüglichsten Instrumentenmacher, zur Belehrung für Musiker. Nebst Andeutungen zur Erhaltung der Violine in gutem Zustande" (Verlag Bran, Jena 1928, S. 94ff.).

Obwohl die Gitarre auch damals nicht zu den "Bogeninstrumenten" (Saiteninstrumente, auf denen der Ton durch Streichen mit einem Bogen erzeugt wird, also Streichinstrumente) gezählt wurde, fügte der Instrumentenbauer ein Kapitel über das Zupfinstrument "Guitarre" hinzu. In diesem Anhang erzählt Jakob August Otto seine persönliche Geschichte über die Einführung der Gitarre in Deutschland und über die Erweiterung der Gitarre von einem fünf- zu einem sechssaiten Instrument.

Anhang.

Üeber die Guitarre.

Es scheint mir nicht unpassend, wenn ich einige Bemerkungen beibringe, die besonders auf die Verbreitung und Ausbildung der Guitarre in Bezug haben.

Dieses Instrument ist aus Italien zu uns gekommen. Im Jahre 1788 brachte die Herzogin Amalia von Weimar die erste Guitarre von da mit nach Weimar, und sie galt damals als ein neues italienisches Instrument. Es erhielt sogleich allgemeinen Beifall. Vom Herrn Kammerherrn von Einsiedel bekam ich den Auftrag, für ihn ein gleiches Instrument zu verfertigen. Nun mußte ich noch für viele andere Herrschaften dergleichen machen, und bald wurde die Guitarre in mehreren großen Städten, in Dresden, Leipzig, Berlin bekannt und beliebt. Von dieser Zeit an hatte ich zehn Jahre hindurch so viele Bestellungen, daß ich sie kaum befriedigen konnte. Dann aber fingen immer mehr Instrumentenmacher an, Guitarren zu verfertigen, bis sie endlich fabrikmäßig in großer Anzahl gemacht wurden, z. B. in Wien, Neukirchen und Tyrol.

Jene erste italienische Guitarre wich aber von den jetzigen ab, denn sie hatte nur 5 Saiten, und bloß eine besponnene Saite, nämlich das tiefe A. Weil die D-Saite sehr stumpf klang, versuchte ich diesem Üebelstande durch eine übersponnene Saite abzuhelfen, was mir auch gelang.

Vor ungefähr dreißig Jahren erhielt der Herr Capellmeister Naumann in Dresden eine Guitarre dieser Art mit 5 Saiten. Bald nach Empfang derselben forderte er mich dazu auf, daß ich eine Guitarre für 6 Saiten einrichten, und noch eine Saite für das tiefe E anbringen möchte. Mit dieser Vervollkommnung baute ich nun mehrere, und fand bald die allgemeine Anerkennung. So hatte die Guitarre theils durch mich, theils auf Veranlassung des Capellmeisters Naumann drei übersponnene Saiten erhalten.

Sie erwarb sich schnell überall viele Gönner, da sie für Jeden, der singelustig und singefähig ist, das angenehmste und leichteste Accompagnement abgiebt, überdies auch leicht transportabel ist. Aller Orten sah man die Guitarre in den Händen der angesehensten Herren und Damen. Jetzt wird sie nicht mehr so gesucht, und man nimmt häufiger das Clavier zum Accompagnement für Gesang.

Sonst wurden die Lauten häufig in Guitarren verwandelt, weil sie schöner und sanfter im Tone sind, als die gewöhnliche Guitarre. Daher verfertigte man auch späterhin neue Guitarren in Lautenform. Aber wegen ihres runden Körpers sind solche unbequem zu spielen, weshalb diese Bauart bald nachließ. Dazu trug auch der hohe Preis mit bei.

Beim Ankaufe hat man erstens auf Richtigkeit der Mensur zu sehen, und zweitens darauf, daß die Saiten gegen die Griffsattel eine solche Lage haben, daß sich die Saiten leicht aufdrücken lassen. Von der Richtigkeit der Mensur hängt die Reinheit der Accorde ab; also die Hauptsache; vom zweiten aber das leichte Spiel.

Was die Reinheit der Töne betrifft, so hat man nur darauf zu sehen, daß der zwölfte Griff die reine Octave angiebt. Ist dies der Fall auf allen Saiten, so sind auch die Zwischenaccorde rein.

Die Lage der Saiten macht das leichte Spielen dann möglich, wenn die Saiten 3/16 Zoll über dem Sattel, und 6/16 Zoll über dem Stege stehen.

Man sehe auch darauf, daß die drei tiefern Saiten richtig übersponnen sind. Ich habe Guitarren gesehen, an denen sie mit Einer Nummer übersponnen waren. Dieß ist aber falsch, indem auf diese Art die tiefern Töne nie die gehörige Kraft und Fülle erhalten können. Jede tiefere Saite muß auch mit stärkerm Drathe übersponnen werden.

Die Selbstdarstellung des Weimarer Geigenbauers Jakob August Otto als Erfinder der sechsten Gitarrensaite (auf Anregung des Dresdner Hofkapellmeisters Johann Gottlieb Naumann) hat sich in die musikwissenschaftlichen Geschichtsbücher und Lexika des 19. Jahrhunderts eingeschrieben - zum Beispiel in den Artikel Guitarre der Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften von 1840 und, ohne Namensnennung, in den Artikel Guitar in Groves Dictionary of Music and Musicians von 1879. Diese "Weimarer Legende" wird heute allerdings angezweifelt - siehe z. B. Thorsten Hindrichs: Zwischen 'leerer Klimperey' und 'wirklicher Kunst'. Gitarrenmusik in Deutschland um 1800*, Münster 2012, S. 15ff.

Im 1912 erschienenen Katalog über die Zupf- und Streichinstrumente des Musikhistorischen Museums von Wilhelm Heyer in Köln greift auch Georg Kinsky, Konservator des Museums, die Schilderung von Jakob August Otto auf. Kinsky kommt zu dem Schluss:

Allerdings erscheint bei diesen Angaben Ottos, die er übrigens erst fast dreißig Jahre nach der "Wiedergeburt" der Guitarre niederschrieb, die Vermutung nicht ungerechtfertigt, dass sie von ihm aus leicht erklärlichen Gründen etwas zu seinen Gunsten zurechtgestutzt seien, denn es muss auffallend erscheinen, dass es nur des kurzen Zeitraums eines Jahrzehnts bedurfte, um die neue sechssaitige Guitarre in ganz Deutschland zu einem Modeinstrument werden zu lassen, das in allen Volksschichten verbreitet war und von alt und jung zur Begleitung des Gesanges eifrigst gepflegt wurde. […] -

Ottos Neuerung der Einführung der sechsten Saite wird wohl nur auf Deutschland zu beschränken sein; immerhin ist ihm das Verdienst nicht abzusprechen, der erste deutsche Guitarrenmacher jener Zeit gewesen zu sein und zu ihrer Popularisierung wesentlich beigetragen zu haben. [Kinsky Museumskatalog 1912, 132]

Georg Kinsky hatte die für den Instrumentenkatalog herangezogenen Quellen akribisch geprüft. Zu dem von Otto angegebenen Jahr 1788 als Datum der Einführung der Gitarre nach Deutschland stellt der Instrumentenkundler fest:

Dies ist ein […] Irrtum Ottos, der seither in alle einschlägigen Werke unwidersprochen übergegangen ist. Die Herzogin trat ihre italienische Reise am 15. August 1788 an, kehrte aber erst nach fast zweijähriger Abwesenheit Anfang Juni 1790 - und zwar in Begleitung Goethes, der ihr einige Wochen vorher bis Venedig entgegengereist war - nach Weimar zurück. (Vgl. z. B. Goethes Werke, Ausgabe letzter Hand, 31. Band, Stuttgart und Tübingen 1830, S. 14). [Kinsky Museumskatalog 1912, 131]